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Besprechung der Autobiografie
Mahatma Gandhi nannte seine Autobiografie
im Untertitel: „Die Geschichte meiner Experimente
mit der Wahrheit“. Sternstein hätte seine Autobiografie
in Anlehnung an sein großes Vorbild mit dem Untertitel
versehen können: „Die Geschichte meiner Experimente
mit der Gewaltfreiheit“, denn darum handelt es sich.
Er berichtet über zahlreiche gewaltfreie Aktionen,
an denen er teilgenommen hat und aus denen er die Summe
seiner Erfahrungen in Form von Empfehlungen und Lehren
zieht. Wyhl, Brokdorf, Gorleben, Großengstingen
Mutlangen, Büchel und das EUCOM bei Stuttgart sind
die Stationen dieser ungewöhnlichen Lebensreise.
Sie ist aber noch mehr. Sie ist die Geschichte
eines Abstiegs in die Hülle familiärer Gewalt
und - dank persönlicher Anstrengung und glücklicher
Umstände - des Aufstiegs in den „Himmel“
der Gewaltfreiheit. Diese individuelle Geschichte setzt
der Autor in Beziehung zur Menschheitsgeschichte, die,
von Ausnahmen abgesehen, nur den Abstieg in die Hölle
der personalen und strukturellen Gewalt kennt. Er wird
nach Meinung des Autors im atomaren Holocaust sein Ende
finden. Ungeachtet der düsteren Zukunftsprognose
ist es dennoch kein pessimistisches Buch, denn Sternstein
ist mit Gandhi überzeugt, dass nichts, was Gutes
in der Welt geschieht, verloren ist, während alles,
was Böses geschieht, verloren ist. Die alltäglichen
Triumphe der Gewalt und der Ungerechtigkeit in der Welt
sind folglich, unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit betrachtet,
lauter Pyrrhussiege, denn das Böse ist seinem Wesen
nach nichtig. So lautet
zumindest das Glaubensbekenntnis des Autors.
In der zweiten Hälfte, gerät das
Buch gelegentlich zum Sachbuch, ja fast könnte man
sagen zum Lehrbuch für gewaltfreie Aktion, was auf
Leser, die lediglich an der autobiografischen Erzählung
interessiert sind, abschreckend wirken könnte.
Das Beste, was über das Buch gesagt
werden kann, hat Horst-Eberhard Richter im Vorwort auf
den Punkt gebracht: „Dieses Buch ist ein großartiges
Dokument, wie ein eher stiller, introvertierter Mensch
einfach aus seinem Glauben an die Menschlichkeit und an
die Verantwortlichkeit Einzelner für das Ganze zu
einem Vorbild für viele werden könnte, die in
einer Zeit der Duckmäusigkeit und des Verdrängens
wieder das Standhafte lernen könnten und sollten.
Erich Schneider
Wolfgang Sternstein: Mein Weg zwischen
Gewalt und Gewaltfreiheit. Autobiografie.
Vorwort: Horst-Eberhard Richter, Norderstedt
2004, 488 Seiten, 50 Fotos, € 28,--
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